Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Der Übergang vom NS-Staat zum Nachkriegsdeutschland bedeutete für die betroffenen Personen zweifellos das Überschreiten einer Grenze und kann insofern legitim als „border crossing“ bezeichnet werden. In der folgenden Arbeit möchte ich dieses „border crossing“ am Beispiel der Erfahrungen meiner Großmutter nachzeichnen, die als Zeitzeugin das Ende des Zweiten Weltkrieges miterlebt hat. Ich werde dabei anhand des Interviews mit meiner Großmutter zeigen, dass die Erfahrung dieser Grenzüberschreitung weniger durch das Gefühl geprägt war, einem politischen Umbruch beizuwohnen als vielmehr durch starke Unsicherheiten, die sich daraus ergaben, dass unklar war, was die Menschen von der Nachkriegszeit erwarten konnten. Entsprechend zeige ich, dass es nicht die politischen Umwälzungen waren, die die Wahrnehmung der Menschen damals prägten, sondern vor allem die alltäglichen Unsicherheiten, die die Nachkriegszeit mit sich brachte.
On May 8th 1945, the capitulation of the Wehrmacht marked the end of World War II. The subsequent transformation from the NS-regime to the development of the Bundesrepublik Deutschland can be viewed as crossing a major cultural border. In the following paper I aim to determine some of the ways this border crossing affected the lives of ordinary people. I will do this by examining my Grandmother’s experience, who was a young woman at the time. My interviews with her will help to demonstrate that the experience of the ordinary people during this cultural border crossing was not so much shaped by the feeling and awareness of political change. Rather, her experience of this change was from the uncertainties that developed due to these vast national and international political changes. Therefore, even though my Grandmother was not aware of the political dimensions of this border crossing, she experienced it through the changes in her everyday life brought on by the end of World War II.
A written account of my Grandmother’s experience
A written account of my Grandmother’s experience
Die Geschichte meiner Großmutter

Meine Großmutter wuchs mit ihren Geschwistern bei ihren Eltern in dem Dorf Söhre in der Nähe der Stadt Hildesheim auf. Dies bedeutet, dass ihr Lebenskontext dörflich geprägt war. Ende des Zweiten Weltkrieges war meine Großmutter 15 Jahre alt und hat somit noch viele Erinnerungen an diese Zeit. Um herauszufinden, welchen Einfluss die Situation nach dem Krieg auf ihr Leben hatte und wie sie den Umbruch zur Demokratie erlebt hat, habe ich meine Großmutter interviewt. Da ich einige der Erzählungen meiner Großmutter bereits kannte und in ihrer Biografie die nachfolgenden Bereiche relevant für ihre Umbruchserfahrung waren, entschied ich mich dazu, sie zu diesen vier Themen genauer zu befragen: 1) Die Versorgung von Lebensmitteln, (2) die Situation der Geflüchteten, (3) Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeitsverhältnisse sowie (4) persönliche Schicksale und soziale Konflikte. Anhand dieser Themen wollte ich meiner Großmutter die Möglichkeit geben, ihre persönlichen Erfahrungen zu schildern, sie in den historischen Kontext einzuordnen und darzustellen, wie sie den politischen, kulturellen und sozialen Umbruch erlebt hat.

1) Die Versorgung von Lebensmitteln

Das Beispiel meiner Großmutter zeigt, dass es in der Lebensmittelversorgung zwischen Stadt und Land einen erheblichen Unterschied gab, denn „[je]e urbanisierter eine Region war, desto schlechter war dort bei Kriegsende die Versorgungslage.“[1] Gründe dafür waren die Abhängigkeit von dem Transport von Lebensmitteln, die Folgen der Kriegswirtschaft und die Zerstörung vieler Produktionsmittel. Im Unterschied zu den in der Stadt lebenden Menschen konnten die Menschen auf dem Land sich hingegen weitestgehend selbst versorgen.

So berichtet meine Großmutter:

„Aber wir waren begünstigt, weil wir ja einen Garten hatten und wir hatten Schweine und Vieh. […] Fleisch konnten wir immer tauschen, da konnte dann meine Mutter ein bisschen Zucker kaufen, damit wir auch mal Marmelade kochen konnten.“ ([NAME] Auszug Interview Nr. 3, 29.08.2020)

Die Menschen in den Städten allerdings konnten sich selbst nicht ernähren und so kam es zu Tauschgeschäften zwischen Stadt und Land. Die Menschen aus der Stadt fuhren aufs Land, um ihre Habseligkeiten gegen Essen einzutauschen. Auch innerhalb der Städte tauschten die Menschen untereinander Waren aus. So entstanden Tauschgeschäfte in Form eines Schwarzmarktes. Auch meine Großmutter hat Erinnerungen an diese Zeit:

Von 1945 bis 1948 existierte der Schwarzmarkt. […] Auf ihm gab es viel kaufen, aber du hattest ja kein Geld. Die Leute haben ihren Schmuck und ihre Wertgegenstände, umgesetzt im Schwarzmarkt und dann kriegten sie auch mal ein neues Kleid oder ein paar Schuhe, oder sie konnten sich mal was zu essen kaufen, also dieser Schwarzmarkt, der hat ja richtig geblüht.“ ([NAME] Auszug Interview Nr. 3, 29.08.20)

2) Die Situation der Geflüchteten

Durch den Vormarsch der Alliierten, besonders durch die Rote Armee, die Ende 1944 und zu Beginn des Jahres 1945 die in Osteuropa von Deutschland besetzten Gebiete zurückeroberte, mussten 12 bis 14 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen und Richtung Westen fliehen. Die vertriebenen Menschen in das zerstörte Nachkriegsdeutschland zu integrieren, stellte die Besatzungsmächte vor eine große Herausforderung. Die Geflüchteten wurden auf die verschiedenen Haushalte verteilt. Ländlich geprägte Gebiete mussten weitaus mehr Menschen aufnehmen als die vor allem durch Luftangriffe häufig schwer zerstörten städtisch-industriellen Ballungsräume. Die Wohnungssituation und die Versorgungsmöglichkeiten mit Lebensmitteln schienen in den Landgemeinden und ländlichen Kleinstädten besser zu sein. [2]

Auch meine Großmutter erinnert sich an diese Zeit:

„[…] Die Dörfer mussten die meisten Flüchtlinge aufnehmen. Es wurde beim Bürgermeister angefragt, wer wie viele aufnehmen kann. Es gab nur ein Muss, du musstest einfach, wenn du ein größeres Haus hattest, musstest du aufnehmen, konntest dich nicht wehren.“ ([NAME]Transkript Interview Nr. 4, 30.08.20) „Wir haben nur gesehen, dass in fast jedem Haus welche waren. […] ([NAME] Auszug Interview Nr. 4, 30.08.20)

   3) Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeitsverhältnisse

„Wir waren alle unterbemittelt, aber da hat sich der Staat auch nicht drum gekümmert, im Krieg dich sowieso nicht. […] Da wurde doch vom Staat her nichts mehr für uns Kinder gemacht, Hauptsache wir gingen zur Schule und konnten schreiben und rechnen, das genügte denen doch.“ ([NAME] Auszug Interview Nr. 2, 29.08.20)

Die Worte meiner Großmutter geben Einblick, wie vernachlässigt sich die jungen Menschen in der Zeit während und nach dem Krieg gefühlt haben. Aufgrund des Krieges konnten viele ihre Ausbildung nicht abschließen, geschweige denn überhaupt eine beginnen, und nach dem Krieg waren die Infrastrukturen der Bildungsangebote zerstört. Aus diesem Grund stellt das Kriegsende auch in dieser Hinsicht für meine Großmutter eine einschneidende Umbruchserfahrung dar, die für sie viel Unsicherheit erzeugte. Diese Unsicherheit ergab sich daraus, dass der zuvor gefasste Plan des Besuchs einer Handelsschule und die damit verbundene Möglichkeit des sozialen Aufstiegs mit der Zerstörung Hildesheims und dem Kriegsende nicht länger umzusetzen war.

4) Persönliche Schicksale und soziale Konflikte

Eine letzte Unsicherheitsdimension, die sich aus den Umbruchserfahrungen ergab, sind die persönlichen Schicksale und soziale Konflikte, die das Leben der Menschen in der Nachkriegszeit prägten. So erzählt meine Großmutter zum Beispiel immer wieder davon, wie bestürzt sie darüber war, dass die Familie meines Großvaters durch ihre Flucht alles verloren hatte.  Und sie erzählt, wie mein Großvater nie von der Zeit in Gefangenschaft erzählen wollte.

„Und später dann in Gefangenschaft, er hat dann ein bisschen erzählt, sagte wir haben viel gehungert, wir haben viel gefroren, aber es ist alles gut gegangen.“ ([NAME] Auszug Interview Nr. 5, 31.08.20)

Die Aussagen meiner Großmutter verdeutlichen zum einen, dass das Kriegsende für sie einen einschneidenden Umbruch markierte. Die Ausführungen machen aber auch deutlich, dass diese Umbruchserfahrung kaum politischer Natur war. Geprägt waren sie vielmehr von den alltäglichen Unsicherheiten, die das Kriegsende produzierte. Ich denke, dass dies darauf zurückzuführen ist, dass sie so kurz nach dem Krieg als junge Frau die politischen Zusammenhänge kaum einordnen und reflektieren konnte. Auf die Frage, wie sie mit den persönlichen Schicksalen und den bestehenden sozialen Konflikten umgegangen ist, betonte sie zum, Beispiel immer wieder, dass es allen Menschen so ergangen ist. Dadurch lässt sich vermuten, dass die Tatsache des gemeinsamen Leids den Menschen dabei half, den Schmerz des Verlustes oder die Schwierigkeit der Situation leichter zu verkraften.

 Aus den Erzählungen meiner Großmutter wird deutlich, dass sie das Kriegsende nicht als politischen Umbruch wahrgenommen hat, sondern vorrangig als einen Umbruch, der zu vielen Unsicherheiten im alltäglichen Leben führte. Dies lag auch daran, dass sie die Situation nach 1945 politisch nicht einordnen und reflektieren konnte, da sie dafür zu jung war und nicht die notwendige Bildung besaß. So sagt sie zum Beispiel, dass sie damals den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie nicht kannte. Im Fokus ihrer Aufmerksamkeit stand vor allem Bewältigung der Unsicherheiten des alltäglichen Lebens und später dann die finanzielle Versorgung und der soziale Aufstieg. Die Untersuchung der biografischen Erlebnisse meiner Großmutter liefern insofern wertvolle Einblicke, wie die Menschen die Nachkriegszeit erlebt und was sie aus diesen Erlebnissen und Veränderungen für sich gemacht haben. Sie belegt zudem die These meiner Arbeit, dass die Nachkriegserfahrungen besonders durch alltägliche Unsicherheiten geprägt waren. Methodisch ist dabei wichtig, dass manche ihrer Erzählungen ihren Ursprung in dem hatten, was sie in ihrem Umfeld wahrgenommen hat, andere ihre ganz persönlichen Erfahrungen repräsentierten. Insbesondere letztere geben einen guten Einblick, wie die Nachkriegszeit das alltägliche Leben abseits der großen politischen Umwälzungen beeinflusst hat.

 

Literatur:

[1] Zeilmann, Kathrin: „In Städten wurde Hunger zur Zentralerfahrung“ In: WELT, 06.07.2015, URL: https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article143583561/In-Staedten-wurde-Hunger-zur-Zentralerfahrung.html (Zugriff am 17.08.2020).

[2] Betlehem, Siegfried: Wanderungsströme und Wanderungspolitik in der frühen Nachkriegszeit. In: brauweiler-kreis.de, URL: http://www.brauweiler-kreis.de/wp-content/uploads/GiW/GiW1987_2/GiW_1987_2_BETHLEHEM_WANDERUNGSSTROEME.pdf (Zugriff am 21.08.2020).

Lilly-Allegra Hickisch
Lilly-Allegra Hickisch studies History, Politics and Sociology at the University of Potsdam and is mainly interrested in the research of the time during and after World War II.

2 Replies to “The end of WWII: Experiences of transformation”

  1. Dear Lilly,
    what a wonderful piece of work! I find especially fascinating how global macro events, such as the end of WWII, become meaningful to the people experiencing them through changes in most the most intimate, seemingly private spheres of their every-day lives, such as food-consumption and educational opportunities.
    Really enjoyed reading this piece!

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