The Berlin Wall falls on November 9, 1989. That symbolized the final end of Warsaw-Treaty. A time begins, in which the former socialist satellite states such as the German Democratic Republic (GDR), the Polish People's Republic or the Czechoslovak Republic consolidate themselves again. But what does it mean to experience such a change of systems, how does it affect your life? How would you deal with it? 7 protagonists told about their growing up in the GDR as children and teenagers, the experiences of the "Wende" and its consequences and how this became part of their identity.
Am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer. Das symbolisierte das endgültige Ende des Warschauer-Vertrags-Bündnis. Es beginnt eine Zeit, in der sich die ehemaligen sozialistischen Satellitenstaaten wie die Deutsche Demokratische Republik (DDR), die Volksrepublik Polen oder die Tschechoslowakische Republik neu konsolidieren. Aber was bedeutet es, solch einen Wechsel der Systeme zu erleben, wie beeinflusst es dein Leben? Wie würdest du damit umgehen? 7 Protagonisten erzählten vom Aufwachsen in der DDR als Kinder und Teenager, die Erlebnisse der „Wende“ und ihren Folgen und wie dies zu einem Teil ihrer Identität wurde.

Im Gegensatz zu vielen anderen sozialistischen Staaten wurde aus der DDR kein neuer souveräner Staat, sondern sie wurde mit den westlichen Bundesländern in Deutschland am 3. Oktober 1990 wiedervereint. Dadurch verschoben sich die Grenzen der Lebenswelt. Aus Diktatur wurde Demokratie, aus Plan- wurde Marktwirtschaft und aus Clara Zetkin wurde Friedrich Gauß auf dem Zehn-Mark-Schein. Katrin Bahr und Melanie Lorek sprechen daher von einer kulturellen Migration. Nicht die Menschen, sondern das Land sei migriert. Straßen und Orte wurden umbenannt, Konsumgüter ausgetauscht und eine neue Währung eingeführt 1. Wie hängt dieser historische Wendepunkt mit den Wendepunkten im Leben eines Menschen zusammen?

Im Folgenden wird dargestellt, wie sich das Aufwachsen in der DDR, die Erfahrung der Wiedervereinigung 1989-1990 und ihrer Folgen auf den Werdegang ostdeutscher Jugendlichen auswirkte und zu einem Teil ihrer Identität wurde.

Dadurch könnten wir nicht nur die Teenagerzeit unserer Eltern besser verstehen, die vielleicht auch einen Systemwechsel erlebt haben. Es wirft auch die Frage auf, wie wir als junge Erwachsene mit solch dramatischen Transformationen umgehen würden und werden, gerade mit Blick auf die möglichen Veränderungen durch die Pandemie. Außerdem besteht ein großes Interesse seitens der Protagonisten an einem Erfahrungsaustausch über die „Wendezeit“ und es gibt mittlerweile Biographien, journalistische Interviews sowie das Netzwerk „3te Generation Ostdeutschland“, die auf weiteren Gesprächsbedarf weisen.

I. Die Protagonisten

Im Fokus dieses Beitrags stehen die Interviewten, die zum Mauerfall zwischen 11 und 19 Jahre alt waren und ihre Kindheit in Brandenburg verbrachten. Um die Individualität der Erfahrungen zu unterstreichen, werden die Interviewten in diesem Beitrag “Protagonisten” genannt.

*1970
Maren, Leiterin eines Fahrservices
*1971
Anne, Sozialversicherungsfachangestellte
*1974
Peter Effenberg, Geschäftsführer eines Medienunternehmens
*1974
Thomas Stolze, Verleger
*1976
Andrea, Inhaberin einer Buchhandlung
*1978
Christian, Fachreferent eines zivilgesellschaftlichen Vereins
*1979
Katharina Thoms, Journalistin

Über die Einteilung der ostdeutschen Jugendlichen in Generationen wird rege diskutiert. Nach Bernd Lindner wären die Protagonisten in die „Generation der Unberatenen“ (1975–1995) einzuordnen2, die durch den gesellschaftlichen Umbruch nicht von ihren Eltern oder anderen Bezugspersonen unterstützt werden konnten. Nach Thomas Ahbe und Rainer Gries 3 gehören die Protagonisten hingegen zum einen Teil der „Entgrenzten Generation“ (1960–1972) an und zum anderen Teil der „Generation der Wende-Kinder“ (1973–1984). Diese Einteilungen umspannen allerdings sehr weite Zeiträume. Für den Einfluss der DDR-Sozialisation machen aber 10 Jahre einen großen Unterschied. Daher schlagen Daniel Kubiak und Martin Weinel vor, die Generation in Wendekinder (geboren in den 1980ern) und Wendejugendliche (geboren in den 1970ern) zu unterteilen 4. Gemäß dieser Definition könnten die Protagonisten als Wendejugendliche bezeichnet werden. Dieser Beitrag soll allerdings den Dialog fördern. Um durch eine feste Einteilung niemand von der Diskussion auszuschließen und aufgrund der sehr individuellen Erfahrungen, werden die Protagonisten deshalb keinen Generationen zugeteilt.

Da zwischen dem Erlebten und den Interviews einige Zeit vergangen ist, kann davon ausgegangen werden, dass die Protagonisten ihre Erfahrungen rückblickend im Kontext ihrer heutigen Situation schildern. Dies kann aber auch für diesen Beitrag von Vorteil sein, denn ein Ereignis erhalte schließlich erst rückwirkend seine identifikative Bedeutung 5.

II. „Wende“ oder „Wendepunkt“?

Die Transformationen ab den 1980er Jahren bis zur offiziellen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 werden oft unter dem Begriff “Wende” zusammengefasst. Ursprünglich wurde dieser Begriff von Egon Krenz, dem Staatsratsvorsitzenden der DDR, gebraucht.  Er legte damit die friedlichen Demonstrationen als Ausgangspunkt für eine demokratischere Agenda des Politbüros fest 6. Die geschichtlichen Geschehnisse widersprachen aber dieser Entwicklung.

Die „Wende“ teilt die Erzählungen in den Interviews in ein Davor (DDR-Zeit) und ein Danach. Häufig leitet ein „Und nach der Wende…“ Veränderungen im Leben der Protagonisten ein. Peter und Anne distanzieren sich von der politischen Bedeutung des Begriffs. Peter wegen des eigentlichen Kontextes im Sinne von Krenz und Anne, weil der Begriff häufig zusammen mit einer verklärten DDR- Vorstellung verwendet werde. Dennoch gebrauchen sie ihn im Gespräch, um die Auswirkungen der politischen Ereignisse von 1989/90 auf das eigene Leben darzustellen. Das beweist, dass „Wende“, als Quellenbegriff dieser Interviews,  von seiner eigentlichen politischen Bedeutung losgelöst wurde und ein Synonym für ein Wendepunkt im Leben ist.

III. „Die DDR war eben mehr als die Angst vor der Stasi, die SED, Mauer und Flucht“ 

(Katharina)

Aufgewachsen sind alle Protagonisten unter dem diktatorischen Regime der Sozialistischen Einheitspartei (SED) in der DDR. Schaut man von außen auf das Leben in der DDR, könnte man meinen, der Alltag der Protagonisten sei von der ständigen Unterordnung der individuellen Bedürfnisse zum Wohle der Gemeinschaft geprägt und von der Ideologie des Kalten Krieges gefärbt. Schließlich wurde nicht nur in der Schule durch Fächer wie Staatsbürgerkunde oder Geschichte die sozialistische Persönlichkeit vermittelt, sondern dies geschah auch abseits des Kurrikulums z. B. bei Pioniernachmittagen, im (Leistungs-) Sport sowie in den Ferienlagern des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB).

In den Gesprächen wird jedoch deutlich, dass diese Darstellung nicht mit der Wahrnehmung der Protagonisten übereinstimmt. Zum einen nahm der Unterschied zwischen dem Herrschaftsanspruch der SED und dem tatsächlichen Sozialismus seit den 1980ern zu. Die DDR sei nicht als rein totalitären Staat anzusehen 7 und auch die Bürger seien keine passiven, beherrschten Objekte gewesen8. Staatlich nicht-kontrollierte Bereiche wurden beispielsweise genutzt, um westliche Fernsehsendungen wie die Tagesschau oder „Ein Colt für alle Fälle“ zu schauen. Dies könnte erklären, warum die meisten Protagonisten später kaum von Konflikten zwischen den alten und den neuen Berichterstattungen erzählten.

Zum anderen war der Sozialismus aber auch Teil des Alltags, mit dem die Protagonisten aufwuchsen und in erster Linie waren sie Kinder und Jugendliche. „Man wollte einfach unbeschwert jugendlich sein“, beschreibt Anne. Andrea erzählt von ihren Erinnerungen:

„Im ersten System, der DDR, hatten wir einen ziemlich engen Klassenverband, sogar zwischen Jungs und Mädchen. […]Wir haben uns jeden Morgen[…] an einer Tischtennisplatte in der Mitte vom Schlaatz getroffen, zu der alle ungefähr den gleichen Weg hatten, und dann haben wir da eine halbe Stunde Tischtennis gespielt und sind erst dann zur Schule gegangen. […]also das war super eng. […]Und dann kam ja die Wende und dann war es glücklicherweise wieder genauso. […]Es war immer sehr eng verbunden.“ – Andrea

Sozialismus und Kindheitserinnerungen waren häufig miteinander verwoben, wobei die DDR meist nur deren Kulisse blieb.

„Wir sind jeden Sommer ins Ferienlager gefahren. Die waren ja immer über die Betriebe organisiert und dadurch waren auch immer dieselben Leute da. Man hat sich dann teilweise echt verabredet […] Es waren auch immer mal Durchgänge dabei, die nicht ganz so toll waren. Die dann so sehr politisiert wurden, mit früh raus und Frühsport und Fahnenapellen. Aber das habe ich in der Art und Weise, glaube ich, nur einmal erlebt. Ansonsten war das eigentlich nur Sommer und Spaß haben. […] Das war einfach toll, du warst draußen, wir haben tolle Spiele gemacht, das war manchmal fast wie so Überlebenstraining. Wie macht man zum Beispiel aus Brennnesseln Tee? -solche Sachen, total cool. […]Ferienlager war immer irre schön. […]Das waren auch immer Highlights […]du hattest Neptunfest gehabt, du hattest Disco- das war das Größte überhaupt, abends Disco.“- Anne

Als Kind sei es in der DDR nicht doof gewesen, so Andrea. Schließlich habe sie frei draußen spielen können und es habe einen starken Gemeinschaftssinn gegeben (vgl. Andrea). Die Kinder seien stets in einer Gruppe eingebunden gewesen, ob bei den Pionieren, im Schulunterricht oder beim Altstoffesammeln 9. Kollektivität sei ein wichtiger Wert gewesen, der ihnen während des Aufwachsens vermittelt wurde, wie Andrea, Katharina, Maren und Anne erzählen. Dass dies die Protagonisten auch nachhaltig prägte, bestätigt Martin Diewald. Denn „Kollektiv“ stehe vor allem rückblickend nicht nur für verordnete Kontrolle und Vorgabe der Lebensgestaltung, sondern auch für Geborgenheit, Verständnis, Solidarität und Mitmenschlichkeit 10.  Diese Prägung wird von denen, die sich in diesem System eingeordnet haben, positiv gesehen 11 . In einer Befragung von Karl Mayer und Eva Schulz schrieben sich die Teilnehmer durch ihre Erziehung eine hohe Selbstdisziplin, Anpassungsbereitschaft, Übernahme von Verantwortung, eher geringe Ansprüche und große Flexibilität zu 12. Gemeinschaftlicher Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung ist vielen Protagonisten auch noch heute wichtig.

„Neubauviertel“- Treffpunkt und zu Hause (eigene Aufnahme)
https://www.mdr.de/zeitreise/stoebern/damals/bildergalerie4218_showImage-ddr100_zc-39878c39.html
So oder so ähnlich könnten die Erlebnisse von Andrea und Anne ausgesehen haben (Foto: https://www.mdr.de/zeitreise/stoebern/damals/bildergalerie4218_showImage-ddr100_zc-39878c39.html)
Aufnahme: Thomas Stolze
Medaillen aus der Zeit als Ringer (Foto: Thomas Stolze)

Durch die Planwirtschaft der DDR war den Jugendlichen zunächst eine Arbeitsplatz sicher. Maren und Anne haben wie die Mehrheit der Absolventen der 10. Klasse eine Ausbildung begonnen 13. Aufgrund der strengen Zugangsvoraussetzungen -außergewöhnlich gute Schulleistungen und ein systemtreues Verhalten- hatten durchschnittlich nur zwei Schüler pro Klasse die Chance, auf die Erweiterte Oberschule (EOS) zu gehen und sich dort mit einem Abitur für ein Studium zu qualifizieren 14. Für Thomas und Katharina lag das Abitur deshalb außerhalb ihrer Zukunftsvorstellungen.

„Das Abitur […]war ja ganz weit weg […] Die Erweiterte Oberschule […] war wirklich nur für ganz Schlaue, wenn du 1,0 hattest, oder für die Politoffiziere, die gerade die politische Laufbahn einschlugen[…] Also das war überhaupt kein Thema.“- Thomas

Trotz der gesicherten Zukunft wurden in der Schule und im Sport Leistungen gefördert und gefordert. Für sportliche und schulische Leistungen gab es Urkunden und Medaillen genauso wie für das erfolgreiche Altpapiersammeln. Dies spornte viele Protagonisten zu guten Leistungen an, auch um den Erwartungen und Wertschätzungen gerecht zu werden.

„Wenn du an den DDR-Meisterschaften teilnehmen durftest, gab es erst eine Veranstaltung, da hast du eine Urkunde bekommen, wo draufstand „Dein Ziel ist es, vierter bis sechster zu werden. Aufgrund der Urkunde hat der Trainer dann schon Druck aufgebaut und hat gesagt „Wenn du das heute nicht ordentlich machst, dann wird das mit dem Ziel nichts.“ – Thomas

Fast alle Protagonisten berichten rückblickend ebenfalls von Unterdrückung durch die Diktatur des SED-Regimes, die sie beobachtet haben. Bis auf Anne und Katharina waren die Protagonisten jedoch nicht selbst davon betroffen, da sie sich nicht öffentlich regimekritisch äußerten.

   „In der dritten Klasse hatte mir mein sieben Jahre älterer Bruder etwas vom 17. Juni ´53 erzählt. […]ich hatte keine Ahnung, aber habe das dann in einer Schule nachgeplappert. Einfach so, weil ich meinte etwas zum Besten geben zu müssen. Und da hat mir tatsächlich eine Lehrerin gesagt: „Vorsicht, was du da erzählst“, das sollte ich mal lieber besser sein lassen, sonst müsse sie mal zwei Männer zu meiner Mutter nach Hause schicken, die dann mit ihr reden. Und ich hatte natürlich keine Ahnung, was das bedeutet und habe es meiner Mutter erzählt. Und die war dann natürlich gleich hell auf „Oh mein Gott!“. Und es war klar, dass das eine Stasi-Drohung war. Es ist ja nichts passiert, aber ich wusste dann- okay, Vorsicht!“ – Katharina

Maren und Thomas bekamen mit, wie verhaltensauffällige Jugendliche für einige Wochen verschwanden.

 „Um in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) zu kommen, hatten wir immer solche Jugendnachmittage. […] Und ich weiß noch, wo wir dann, ins KZ- Sachsenhausen sind, da haben sie auch schlimme Geschichten erzählt. […] Das war nun wirklich keine tolle Geschichte, aber zwei, drei haben dann gelacht, fanden das halt lustig, wie man es als 13, 14- jähriger halt so nimmt. Die wurden dann gleich rausgezogen und ich habe sie eine Woche lang nicht in der Schule gesehen. Das sind so Geschichten, die dir im Nachhinein bewusstwerden […]. Die waren kurz mal weg, dann waren sie wieder da.“- Thomas

Häufig bemerken sie solche Geschehnisse und nehmen sie als unangenehme Situation wahr. Meist ahnten sie, dass diese Jugendlichen in eine Erziehungsanstalt kamen. Von den dortigen Bedingungen wurde ihnen aber nichts erzählt. Erst durch die mediale Aufarbeitung nach der Wiedervereinigung erfuhren sie von den Hintergründen.

Aus der heutigen Perspektive ist es vielleicht schwer nachzuvollziehen, weshalb das bestehende totalitäre System vom Großteil der Bevölkerung akzeptiert wurde. Anne erklärt, dass man es heute auch nicht infrage stelle, wenn jemand als Offizier oder für den BND arbeitet.

Auch das Alter spielt bei den Erinnerungen eine Rolle. Thomas sagte, er sei etwas zu jung gewesen, um festzustellen, dass das System böse zu ihm sei.  Ab ´87 steuerte die DDR bereits ihrem Ende entgegen. Grundsätzliches sei infrage gestellt worden15 . Das taten auch Anne und Maren im Rahmen der Möglichkeiten, da sie bestimmte Dinge ändern wollten. Die Beschränkungen der DDR betraf, anders als die jüngeren Protagonisten, bereits zum Teil ihre Lebensgestaltung. Maren berichtet, wie sie im Studium FDJ- Vorsitzende werden sollte, dem allerdings widersprach:

 „Ich habe das von der ersten bis zur zehnten Klasse gemacht.[…] Aber darauf habe ich keinen Bock gehabt, irgendwann wolltest du einfach nicht mehr. Diese Arbeit war nicht viel, aber diese Verantwortung, die du trotzdem immer gehabt hattest, und du musstest immer eine Funktion haben. […]. Und wir wollten uns eben auf das Studium konzentrieren“- Maren

Es ist also festzuhalten, dass die Protagonisten durch das Aufwachsen im Sozialismus vor allem der Wert des Gemeinschaftslebens geprägt hatte. Der Grad der Einschränkung blieb aber gering und beeinflusste den weiteren beruflichen Werdegang nicht, auch bedingt durch die politischen Entwicklungen.

IV. Die Kollision zweier Systeme 

Auch wenn alle Protagonisten nicht direkt bei den friedlichen Demonstrationen und beim Mauerfall am 9.11. dabei waren, beschreibt der Großteil der Protagonisten dieses Ereignis als aufwühlend und bewegend. Thomas berichtet von seinen Erinnerungen am Tag des Mauerfalls:

„Genau in dieser Wendezeit habe ich meinen Mopedführerschein gemacht. Und dann war mir alles um mich herum natürlich komplett egal. Und als ich ganz stolz nach Hause gekommen bin, […] am 9. November 89, da habe ich die Erste-Hilfe-Prüfung bestanden. […] Und ich bin ganz stolz reingekommen „Mama, Mama, hier!“. Und sie hat mich gar nicht beachtet, weil sie echt mit offenem Mund vor dem Fernseher saß und gesagt hat „Die haben die Grenze aufgemacht“ „Wie Grenze? Hier, die Prüfung!“ – Thomas

Der Einigungsvertrag sah vor, dass das Grundgesetz der BRD nun auch in den ostdeutschen Bundesländern gültig war. Dies hatte jedoch zur Folge, dass die nachfolgenden Bestimmungen zu meist eine Übernahme des BRD-Systems beinhalteten. Andrea schreibt ihre Sicht auf die Geschehnisse 1989 in ihrem Tagebuch nieder. Sie habe es nicht gut gefunden, dass ihnen ein anderes System „übergestülpt“ worden sei, und die Veränderungen hätten ihr Angst gemacht. Auch Katharina stellte fest, dass sich für einen Teil des Landes alles geändert habe und für den anderen Teil gar nichts. Gaiser beschreibt, dass der schwierigere Part der ostdeutschen Gesellschaft zukam, da sie vertraute gesellschaftliche und politische Gegebenheiten gegen neue, fremde eintauschen musste. Weniger als 10 % der befragten ostdeutschen Jugendlichen hätten angegeben, dass die Wiedervereinigung keine Veränderung in ihrem Leben bewirkt habe, wohingegen fast die Hälfte der westdeutschen befragten Altersgruppe keine Veränderungen angab 16.  Die Entwicklungen von Oktober 1989 bis November 1990 lassen sich also vielmehr als eine Kollision der Systeme beschreiben als eine Integration. In dieser Zeitspanne sei die DDR politisch zusammengebrochen und das alte System habe sich aufgelöst 17. Dies bedeutete nicht nur ein Austausch der Normen, Gesetze und der “Funktionseliten”. Auch die Wirtschaft begann sich schnell zu ändern 18. Dies spürten Thomas, Katharina und Maren zunächst einmal durch ein anderes Sortiment:

 „ Wir hatten ja früher zum Beispiel Kaufhallen und dann gab es die verschiedenen Supermärkte. Du hast dann natürlich das Westsortiment drin gehabt. Damit erstmal klar zu kommen, das war schon eine Umstellung. Dann gab es nachher die Westmark, dann wurden die Konten umgestellt. Dann hast du an den Sparkassen ewig angestanden, um Geld zu holen. Denn Automaten und EC-Karten gab es damals noch nicht, es gab nur Bargeld. […] Die größte Veränderung war das Konsumverhalten bei mir. Dass man sich an diese neuen Produkte gewöhnen musste. Dass alles da war, das war schon irgendwie cool.“ – Maren

Andrea hingegen erlebte die Veränderung im Konsum als zu rasant:

„Wir haben lange gewartet, bevor ich überhaupt als Kind das erste Mal rüber gefahren bin. Meine Freundinnen waren alle sofort im Westen […]und ich nicht. Das war mir zu viel, zu bunt. Alles war ja so anders, ich konnte das nicht sofort für mich annehmen“- Andrea

Das mit den Transformationen auch Zweifel und Sorgen verbunden waren, zeigen Christians Erinnerungen:

„Was passiert mit meinen Eltern? Mein Vater war ja Polizist und meine Mutter hat eine große Betriebsküche geleitet und damit waren sie schon DDR-stabilisierend. Was passiert mit denen, wenn das politische System nicht mehr existiert, was machen die dann mit solchen Leuten?“- Christian

Auch die Vorstellung vom Westen kollidierte mit der Realität. Die Erlebnisse waren dabei stark durch das Verhältnis zum Westfernsehen geprägt. So war Katharina enttäuscht als sie nach dem Mauerfall das erste Mal in Westberlin war und alles grau und nicht so bunt wie in der Werbung war.

Anne hingegen beschreibt:

„Du bist damit aufgewachsen: Alles hinter der Mauer ist böse, die Menschen sind schlecht[…], da gibt es eine hohe Kriminalitätsrate[…]- was man halt so gelernt hat im Staatsbürgerkunde- Unterricht. Auch in der Presse, in den Medien, hast du das ja immer wieder zu hören gekriegt „Der böse Kapitalist, der böse Bundesbürger“. Und wenn du das achtzehn Jahre lang gehört hast, hast du das ja irgendwo ein bisschen verinnerlicht.“- Anne

Schluchter bezeichnet das Erleben dieser Systemkollision auch als „Vereinigungsschock“ 19.

Keine Spur mehr von Hammer und Zirkel: Mit Nagellackentferner löste Katharina das DDR-Emblem von ihrer Zeugnismappe nach ´89 – ein Versuch mit der Vergangenheit abzuschließen (Foto: Katharina Thoms)

Anschließend setzten ein Umbau der Institutionen und ein Hineinwachsen in die neue Lebenswelt ein, was bis etwa 1992 anhielt 20. Für die Protagonisten waren das in erster Linie die Veränderungen in der Schule durch die Gesetzesänderungen von 1991. Nicht nur die Unterrichtsinhalte, Leistungsanforderungen und Noten änderten sich. Auch das Schulsystem wurde aufgeteilt in Gesamtschule und Gymnasium, wie es schon zuvor in der BRD der Fall war. Da die Lehrer allerdings den Lehrstoff und die Unterrichtsgestaltung in der DDR studiert hatten, war das Schulleben an vielen Stellen improvisiert und chaotisch.

Durch das veränderte Schulsystem ist aber auch das Abitur für die Protagonisten in greifbare Nähe gerückt, da die Zugangsvoraussetzungen verglichen mit denen der DDR niedriger waren. Die Nachfrage nach Schulplätzen auf den Gymnasien sei deshalb enorm gewesen 21. Alle Protagonisten ab dem Jahrgang 1974 nutzten diese Chance und absolvierten das Abitur.

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New Kids On The Block – westliche Teenie-Stars sind nun nicht mehr unerreichbar (Quelle: https://www.discogs.com/New-Kids-On-The-Block-Tonight/release/3846748 )

In Schulaufsätzen von 1991 berichteten Schüler vor allem von den besseren Entwicklungsmöglichkeiten, die freie Wahl des Schultyps und von Fremdsprachen, der freien Meinungsäußerung und dem Mitspracherecht der Schüler, dem Wegfall von Staatsbürgerkunde und verändertem Geschichtsunterricht 22. Gerade diese Freiheiten und Chancen hätten in der DDR gefehlt (vgl. Anne). Dennoch scheint für diese Zeitphase ein „Rantasten“ an die neuen Freiheiten charakteristisch.

„Ich konnte ja sonst wohin fahren[…]Man durfte alles machen und dieses ganze Land befand sich im Umbruch. […] das war ja irgendwie doch noch DDR und dann wieder nicht… Und ah, Schülerrat geht jetzt auch[…] und was darf man jetzt lesen? Und plötzlich machten neue Buchläden auf und in den Kinos kamen andere Filme[…]und alle redeten darüber und manche diskutierten. Das ist ja unglaublich!“- Peter

Als negative Aspekte seien unter anderem „gewendete“, unglaubwürdige Lehrer und Direktor und zu hohe Leistungsanforderungen genannt worden 23.

Katharina verspürt durch die gymnasiale Empfehlung, den Druck ihre Leistungen unter Beweis zu stellen:

„Der Weg stand plötzlich offen. Deswegen war es zum Beispiel für mich auch total wichtig, aufs Gymnasium zu gehen. Weil ich unbedingt Abitur machen wollte, weil ich unbedingt studieren wollte. […]dieser Kampf nach Noten in diesem neuen System, wo wir eigentlich alle nicht wussten, wie der Hase läuft. […] Du musst kämpfen und ehrgeizig sein, damit du das hinkriegst. Das hing auch irgendwie über der ganzen Schullaufbahn. Aber […]die Möglichkeit, dass ich Abi machen kann, das war irre“- Katharina

V. Entscheidungen

In der folgenden Phase ab Ende 1992, Anfang 1993 werden Walter Friedrich zufolge die Bedingungen verfestigt 24. Die Abwicklung der ehemaligen Volkseigenen Betriebe (VEB) durch die Treuhandanstalt verursachte zu dem einer hohe und langanhaltende Arbeitslosigkeit. Etwa zwei Drittel der Beschäftigten in Ostdeutschland hätten ihren angestammten Arbeitsplatz verloren 25 . So entließ das Chemiefaserwerk der Stadt, in der Christian lebte, 7.000 Arbeitnehmer. Die wirtschaftliche Demontage der DDR verursachte eine langanhaltende Lehr- und Arbeitsstellenkrise. Zunächst waren davon vor allem Maren und Anne betroffen.

 „Normalerweise galt noch das DDR-Arbeitsgesetzbuch und sie hätten uns weiter beschäftigen müssen. Sie haben aber gesagt, das können wir nicht, weil wir überhaupt nicht wissen, wie das in den Betrieben weiter geht. Ich habe das eigentlich als Chance gesehen. Ich habe (mir) gesagt “Wenn ich jetzt eine der Ersten bin, […] kann ich mich auch als Erste orientieren.“- (Anne)

Nach einigem Hin und Her entschied sich Anne auf einen Hinweis ihrer Schulfreundin für die Umschulung zur Sozialversicherungskauffrau bei einer Krankenkasse. Bis heute ist sie sehr zufrieden mit ihrer Wahl.

Nachdem sie ihr Studium zur Unterstufenlehrerin abgeschlossen hatte, der Abschluss allerdings nicht vollständig anerkannt wurde, beschloss Maren beruflich umzusatteln.

„Ich habe überlegt, was machst du? Dann war ich im damaligen Berufsinformationszentrum […]und da habe ich mir dann den Beruf der Rechtsanwaltsfachangestellten herausgesucht. Das war ja etwas ganz anderes.“- Maren

Sie entschied sich für diese Ausbildung vor allem aufgrund ihres juristischen Interesses.

Doch auch noch 11 Jahre später führte der Engpass an Arbeitsplätzen dazu, dass Thomas und Katharina in westdeutsche Bundesländer umzogen, da sie bzw. Thomas Partnerin keinen Arbeitsplatz in ihrem Beruf fanden. Hier machte sich die Rolle des Wechsels zur Marktwirtschaft direkt bemerkbar. Christian fing 1999 eine Ausbildung zum Außenhandelskaufmann an.

„damals war es anders herum als heute. Es gab wenig Ausbildungsplätze und viel mehr Bewerber. Und ich habe einfach Glück gehabt, überhaupt einen Platz zu bekommen. Das war keine bewusste Entscheidung, dass ich das unbedingt machen wollte“-Christian

Wegen der Arbeits- und Konkurrenzbedingungen in der freien Wirtschaft ist er jedoch unzufrieden und schließt daher ein Studium zum Berufschullehrer an. Alle Protagonisten ab dem Jahrgang 1974 entschieden sich für ein Studium, dass in erster Linie durch ihre Interessen motiviert war.

Es verfestigten sich mit den Verhältnissen jedoch auch die Einstellungen. Dies führt je nach Umfeld und Region in den 90ern zu einer Polarisierung der politischen Strömungen. Katharina, Christian und Anne berichten von gespaltenen Lagern. Katharina spürt die Auswirkungen durch Beleidigungen und Bedrohung rechtsextremer Skinheads in ihrer Heimatstadt. Das habe ihr Angst gemacht und die graue und schwierige Atmosphäre verstärkt, die sie empfunden hatte.

„Es war keine Aufbruchsstimmung mehr da, die Anfang der Neunziger vielleicht noch da war oder auch ´89. Das ging relativ schnell flöten. Alles war irgendwie kompliziert und schwierig und belastet. Und auch dieser ganze Rechtsextremismus[…]. Das war natürlich auch superpräsent, die Skins mit den Bomberjacken und Springerstiefeln. Ich wollte da weg.  Aber nicht unbedingt nur, weil das so schlimm war, sondern auch, weil ich etwas Neues wollte. Ich wollte die Welt entdecken, ganz pathetisch gesprochen, und das hat sich halt gut damit gedeckt, dass es mir da eigentlich auch nicht mehr gefallen hat. Das war alles grau und verlebt und irgendwie nichts Neues und nichts Spannendes.“- Katharina

Sie entscheid sich so für ein Studium in Tübingen. Christian bewegte sich hingegen eine Zeit lang in einem rechtsgesinnten Spektrum. Nach dem ein Mensch infolge eines Angriffs von Neonazis ums Leben kam, distanzierte er sich allerdings stark von diesem Umfeld. Er begann gegen Rechtsextreme aktiv zu sein, zunächst ehrenamtlich, nach seinem Studium dann auch beruflich in einem zivilgesellschaftlichen Verein.

Trotz der zum Teil prekären Lage auf dem Arbeitsmarkt waren für Christian die 90er vor allem eine Zeit in der sich die Freiheiten und Freiräume erweiterten.

„[Techno] war ja eine neue Musik, die mit dieser Wendezeit verbunden war. Das hatte so etwas von

Love Parade ´95 (Quelle: https://www.welt.de/kultur/musik/article7869819/Wie-Rihanna-Pink-Co-von-Techno-profitieren.html.)

„Das kann jeder“, man muss nicht 20 Jahre ein Instrument spielen lernen[…]. Und die Ursprungsidee war ja eigentlich auch, dass es keine Stars gibt, sondern das Tanzende und DJ auf einer Augenhöhe sind und es war einfach damals diese Musik, die neu kam, die ich gut fand. Ich war auch ´95 oder so das erste Mal auf der Love  Parade, die damals noch auf dem Kurfürstendamm war und wenn man das erlebt hat, wie so eine Musikbewegung groß wird und dann mitten drin ist, ist jeder angefixt, glaube ich […] dass man in den Neunzigern das Gefühl hatte, die Freiheit wird immer größer und größer. Ich weiß nicht genau, ob das mit der Wendezeit zusammenhängt oder damit, dass man jung ist. […] es gab mehr Gleichberechtigung, mehr Rechte für Menschen, Individuen.“ Christian

Es interessierte niemand was Jugendliche taten, so seine Wahrnehmung, da die Erwachsenen damit beschäftigt waren sich im neuen System zurecht zu finden. Er reiste zu Techno-Festivals in den Westen und besichtigte die dortigen Städte. Auch Katarina nutzte die neue Möglichkeit der Reisefreiheit. Sie verreiste nicht nur mit ihrer Mutter in den Urlaub, sondern studierte auch ein Jahr lang in Italien.

Peter und Thomas hingegen hätten zunächst keinen Anknüpfungspunkt durch Westverwandtschaft gehabt um direkt nach der Wiedervereinigung in westdeutsche Bundesländer zu ziehen.

Die Planlosigkeit und Improvisation von 1991/92 blieb zum Teil. Ostdeutsche Jugendliche hätten ihre Zukunft stets nur mit geringer Sicherheit und Reichweite in den Blick nehmen können, so zitieren Sabine Andresen u.a. Wolfgang Thierse 26.

 „So richtig, konntest du nicht planen. Die Bundeswehr und auch die Unigeschichten Anfang der Neunziger, das war nichts Halbes und nichts Ganzes, weil alle ein bisschen orientierungslos waren. Denn alles, was bis vor fünf Jahren noch gezählt hat, jeder der vor fünf Jahren noch etwas zu sagen hatte, der hatte auf einmal nicht zu sagen. Und du konntest in dem Moment alles machen [berichtet von Wehrdienst]Auf der einen Seite war es natürlich schon Bundeswehr, auf der anderen Seite war die komplette Kaserne[…]noch völlig DDR- Standard, die Betten waren noch von der NVA. Aber wir haben zumindest schon die neuen Uniformen bekommen.“ – Thomas.

Andersen beschreibt, dass die Jugendlichen in der DDR kaum berufliche Zukunftsängste hatten, denn in ihrem Leben schien alles vorgezeichnet zu sein. Von dieser vorgegebenen Lebensplanung hätten sich die Protagonisten mit der Wende jedoch verabschieden müssen 27 . Allerdings verfolgten die Protagonisten bis auf Maren keinen stringenten Plan. Zwar hatten Anne, Andrea und Peter einen Berufswunsch, aus gesundheitlichen Gründen oder wegen einer Verpflichtung für die NVA verfolgten sie diese aber in der DDR zunächst nicht weiter.

Es fällt weiterhin auf, dass alle Protagonisten ihr Studium komplett oder zum Teil selbst finanzierten. Einerseits lag dies an ihrem Anspruch, eigenständig zu sein, zum anderen an der materiellen Situation ihrer Eltern. Alle Protagonisten ist ihre Unabhängigkeit sehr wichtig. Thomas, Andrea und Christian betonen, sich deshalb auch später für ihre berufliche Selbstständigkeit bzw. ihren heutigen Beruf entschieden zu haben.

VI. Matter of identity- Wie die „Wende“ Teil der Identität wird

Inwiefern hat sich nun die „Kollision zweier Systeme“ und deren Folgen auf den Werdegang der Protagonisten ausgewirkt?

Alle Protagonisten bestätigen, dass die Wende ihr Leben stark beeinflusst hat. Dabei sehen sie sich durch ihr Alter in einer vorteilhafteren Lage als die Ostdeutschen, die bereits durch ihren Beruf und andere Positionen einen gefestigten Platz im DDR- System hatten. Da sie nach Abschluss der Schulzeit und der Berufsausbildung ohnehin vor einem neuen Lebensabschnitt standen, haben sie die neuen Wahlmöglichkeiten zumeist eher als positive Chance wahrgenommen 28. Die Protagonisten haben sich ohnehin an einer Weggabelung befunden. Andrea und Thomas erklären:

 „Wir wurden nicht so gebrochen[…]Ich hatte nicht diesen Druck gespürt, den die etwas Größeren schon gespürt haben. Zum Beispiel, wenn man eben nicht die Schule wechseln durfte, wenn man plötzlich zu diesem Wehrunterricht musste. […]ich musste mich da nicht für einen Beruf entscheiden, den ich nicht hätte machen wollen. Alles, was mein Leben betraf war noch nicht dramatisch. Dramatisch wäre es dann mit 15, 16 gewesen, mit der Berufswahl, dem Studium, der weiterführenden Schule- das alles musste ich nicht mehr mitmachen, weil genau dann die Wende kam und ich plötzlich alle Freiheit hatte. Und alles, was dann später blöd geworden wäre, dass man dann für die Stasi rekrutiert wurde oder in diese Wehrlager musste und plötzlich so in das System gepresst wurde, das haben wir nicht“- Andrea

Der Mangel an Lehr- und Arbeitsstellen hat direkt Einfluss genommen, so dass die Protagonisten zum Teil umschulten, kaum eine Wahl bei der Berufsausbildung hatten oder wegzogen. Die sozialen Umbrüche haben auch je nach Wahrnehmung des Protagonisten eine bestimmte Atmosphäre erzeugt. Durch die Umstrukturierungen waren viele Entscheidungen kaum langfristig planbar. Vielleicht ist den Protagonisten deshalb ihre Unabhängigkeit und Selbstständigkeit so bedeutsam.

Natürlich spielten aber auch soziale Gründe, wie der Schulwechsel einer Freundin oder der Wohnort des Partners oder der Partnerin eine Rolle. Vor allem auch persönliche Gründe wie die eigenen Interessen beeinflussten die Entscheidungen der Protagonisten auf ihrem Werdegang. Die Entscheidungen der Protagonisten sind keinesfalls nur das Ergebnis der äußeren Einflüsse.

Da sich die Zeitspanne der äußeren Umbrüche und die Entwicklungsphase, in der sich die Motive und Ziele der eignen Lebensvorstellung bilden, überschnitten, prägten die ökonomischen und gesellschaftlichen Erfahrungen sogar das Wertesystem der Protagonisten für ihr weiteres Leben 29.

Durch ihr Aufwachsen in der DDR hat die Mehrheit den Wert der Kollektivität verinnerlicht und empfindet Gemeinschaftssinn als positive Prägung. Dennoch wünscht sich keiner der Protagonisten die DDR zurück. Die Freiheiten und Möglichkeiten nach der Wende sehen die Protagonisten im Kontrast zur Lebenswelt in der DDR. Die heutigen Freiheiten, wie die Reise- und Meinungsfreiheit und Bildungschancen sind für sie nicht selbstverständlich, sondern werden besonders wertgeschätzt. Katharina illustriert: „Ich kann heute noch nachempfinden, was für ein großes Glück es war, sagen zu können: ´Wir können jetzt einfach ins Ausland gehen, wohin wir wollen.´“

Durch die Folgen der Wende waren sie allerdings auch mit Herausforderungen konfrontiert wie z. B. mit dem Wendeschock, der mangelnden Vorhersehbarkeit und dem Risiko, ihren Arbeitsplatz oder Aufträge zu verlieren oder keinen Ausbildungsplatz zu finden. Dieses Bewusstsein für Veränderung ist für Peter eine wichtige Errungenschaft aus der Zeit kurz nach der Wiedervereinigung:

„[Normalerweise grenzt man sich beim Erwachsen werden ab], findet neue Dinge, aber was dabei bleibt ist die Basis. Es ändert ihnen niemand die Gesetzte, es ändert ihnen niemand das Geld, es ändert ihnen niemand die Schulform, […] es ändert ihnen niemand, dass zu Hause plötzlich die Eltern arbeitslos werden, das macht keiner. Das war bei uns aber so. […]und ich gehe eigentlich jeden Tag nach Hause und weiß, […]es kann sich alles ändern. Und das macht dir Angst…

Allerdings habe er dadurch das Wissen, dass sich Dinge massiv verändern können und sich so darauf einzustellen “Und immer erstmal gucken, was bedeutet diese Veränderung eigentlich, wie genau sieht sie aus […] Guck es dir mal an. Frag dich, ist es möglich oder ist es nicht möglich.“ – Peter

Durch die Erfahrungen der „Wende“ verfügen die Protagonisten über eine Sensibilität für gesellschaftliche Veränderungen und den sich ergebenden Möglichkeiten. Dies überschneidet sich mit der Transformationskompetenz, die Adriana Lettrari in der Generation „Wendekinder“ wiederfindet. Das kognitive und emotionale Wissen der “Wendekinder” bestehe darin, dass es im Leben auch ganz anders und überraschend kommen könne und dann doch weitergehe, so zitieren von Blanckenburg und Düben Lettrari 30.

Ein Ausgangspunkt für weitere Projekte könnte die Frage sein, inwiefern z.B. Polen oder Tschechen derselben Altersgruppe Ähnliches erlebt haben und ob dies ebenfalls Teil ihrer Identität geworden ist.

 

  1. Vgl. Katrin Bahr und Melanie Lorek, „´Ja, wohin gehen sie denn? ´: Die „3. Generation Ostdeutscher“ zwischen Suchen und Finden am Beispiel des 1.5 Generationskonzeptes,“ in Die Generation der Wendekinder: Elaboration eines Forschungsfeldes, hrsg.  Adriana Lettrari et. al. (Wiesbaden:  Springer VS, 2016), 257.
  2. Vgl. Adriana Lettrari, Christian Nestler und Nadja Troi-Boeckin, „Einleitung: Der Werkzeugkasten zur Elaboration eines Forschungsfeldes, “ in Die Generation der Wendekinder: Elaboration eines Forschungsfeldes, hrsg. Adriana Lettrari u.a. (Wiesbaden:  Springer VS, 2016), 6.
  3. Vgl. ebd., 6.
  4. Vgl. Daniel Kubiak und Martin Weinel, „DDR-Generationen revisited – Gibt es einen Generationszusammenhang der ´Wendekinder´?,“ in  Die Generation der Wendekinder: Elaboration eines Forschungsfeldes, hrsg.  Adriana Lettrari u.a. (Wiesbaden:  Springer VS, 2016), 126
  5. Vgl. Elisabeth Sitte-Zöllner, „(Un)Doing East,“ in Die Generation der Wendekinder: Elaboration eines Forschungsfeldes, hrsg. Adriana Lettrari et. al. (Wiesbaden: Springer VS, 2016), 135.
  6. Vgl. ebd.,139
  7. Vgl. Johannes Huinink, „Individuum und Gesellschaft in der DDR – Theoretische Ausgangspunkte einer Rekonstruktion der DDR-Gesellschaft in den Lebensverläufen ihrer Bürger,“ in Kollektiv und Eigensinn, hrsg. Johannes Huinink et al. (Berlin: Akademie Verlag, 1995), 28.
  8. Vgl. Karl Ulrich Mayer, „Kollektiv oder Eigensinn? Der Beitrag der Lebenslaufforschung zur theoretischen Deutung der DDR- Gesellschaft,“ in Kollektiv und Eigensinn, hrsg. Johannes Huinink et al. (Berlin: Akademie Verlag, 1995), 373.
  9. Vgl. Lothar Probst, „´Wendekinder´ schlagen ein neues Kapitel der DDR- und Ostdeutschlandforschung auf,“ in Die Generation der Wendekinder: Elaboration eines Forschungsbegriffs, hrsg.  Adriana Lettrari et. al. (Wiesbaden: Springer VS, 2016), 47.
  10. Vgl. Martin Diewald, „´Kollektiv´, ´Vitamin B´ oder ´Nische´? Persönliche Netzwerke in der DDR,“ in Kollektiv und Eigensinn, hrsg. Johannes Huinink et al. (Berlin: Akademie Verlag, 1995), 223 ff.
  11. Vgl. Martin Koschkar et al. „´Grüne Wendekinder´ in ostdeutschen Landtagen,“ in Die Generation der Wendekinder: Elaboration eines Forschungsfeldes, hrsg.  Adriana Lettrari et. al. (Wiesbaden: Springer VS, 2016), 227.
  12. Vgl. Karl Ulrich Mayer und Eva Schulz. Die Wendegeneration: Lebensläufe des Jahrgangs 1971, (Frankfurt am Main: Campus Verlag, 2009), 228.
  13. Vgl. Johannes Huinink et al., „Staatliche Lenkung und individuelle Karrierechancen: Bildungs- und Berufsverläufe,“  in Kollektiv und Eigensinn, hrsg. Johannes Huinink et al. (Berlin: Akademie Verlag, 1995), 97.
  14. Vgl. ebd., 101.
  15. Vgl. Jutta Braun und Peter Weiß, „Der Niedergang der SED-Herrschaft in der Region, “ in Agonie und Aufbruch: Das Ende der SED-Herrschaft und die Friedliche Revolution in Brandenburg, hrsg. Jutta Braun, und Peter Ulrich Weiß (Potsdam: Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, 2014), 6.
  16. Vgl. Wolfgang Gaiser et al., „Annäherungen und Differenzen in den politischen Kulturen der Jugend in der neuen Bundesrepublik,“ in Vereintes Deutschland-geteilte Jugend, hrsg. Sabine Andersen et al. (Opladen: Leske+ Budrich, 2003), 31.
  17. Vgl. Walter Friedrich, „Zur Mentalität der ostdeutschen Jugendlichen“ in Ostdeutsche Jugendliche: Vom DDR-Bürger zum Bundesbürger, hrsg. Peter Förster und Uta Schlegel (Opladen: Leske+ Budrich, 2003), 42.
  18. Vgl. Everhard Holtmann, „Politischer Systemwechsel: Die Transformation Ostdeutschlands: Der Weg von der DDR zur Bundesrepublik“. Bundeszentrale für politische Bildung, 4.5.2020.
  19. Vgl. Wolfgang Schluchter und Peter E. Quint. Der Vereinigungsschock: Vergleichende Betrachtungen zehn Jahre danach (Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2001).
  20. Vgl. Hrsg. Wolfgang Gaiser et al., „Annäherungen und Differenzen in den politischen Kulturen der Jugend in der neuen Bundesrepublik,“ in Vereintes Deutschland-geteilte Jugend: Politisches Handbuch, 31.
  21. Vgl. Walter Bien u.a., zitiert von: Maria Bossmann, „Kinder und Jugendliche zwischen Staatsbürgerkunde und fdGO- Auswirkungen der Transformationen des Schulsystems auf Schulbiographien der Wendekinder,“ in Die Generation der Wendekinder: Elaboration eines Forschungsfeldes, hrsg. Adriana Lettrari et. al. (Wiesbaden:  Springer VS, 2016), 199.
  22. Vgl. Maria Bossmann, „Kinder und Jugendliche zwischen Staatsbürgerkunde und fdGO- Auswirkungen der Transformationen des Schulsystems auf Schulbiographien der Wendekinder,“ in Die Generation der Wendekinder: Elaboration eines Forschungsfeldes, ed.  Adriana Lettrari et. al. (Wiesbaden: Springer VS, 2016), 203.
  23. Vgl. ebd., 203.
  24. Vgl. Walter Friedrich, „Zur Mentalität der ostdeutschen Jugendlichen“ in Ostdeutsche Jugendliche: Vom  DDR-Bürger zum Bundesbürger, hrsg. Peter Förster und Uta Schlegel (Opladen: Leske+ Budrich, 2003), 42.
  25. Maria Bossmann, „Kinder und Jugendliche zwischen Staatsbürgerkunde und fdGO- Auswirkungen der Transformationen des Schulsystems auf Schulbiographien der Wendekinder,“ in Die Generation der Wendekinder: Elaboration eines Forschungsfeldes, hrsg.  Adriana Lettrari et. al. (Wiesbaden: Springer VS, 2016), 200.
  26.  Vgl. Sabine Andresen, Karin Bock, und Hans-Uwe Otto, „Jugend als gesellschaftliche Markierung. Überlegungen zu politischen und analytischen Ambivalenzen im deutsch-deutschen Transformationsprozess“ in Vereintes Deutschland-geteilte Jugend. Ein politisches Handbuch, hrsg. Sabine Andersen et. al (Opladen: Verlag Leske+ Budrich, 2003), 25 ff.
  27. Vgl. Sabine Andresen, Karin Bock, und Hans-Uwe Otto, „Jugend als gesellschaftliche Markierung. Überlegungen zu politischen und analytischen Ambivalenzen im deutsch-deutschen Transformationsprozess“ in Vereintes Deutschland-geteilte Jugend. Ein politisches Handbuch, hrsg. Sabine Andersen et. al (Opladen: Verlag Leske+ Budrich, 2003), 25.
  28. Vgl. Eva Schulz und Karl Ulrich Mayer, Die Wendegeneration: Lebensläufe des Jahrgangs 1971 (Frankfurt am Main: Campus Verlag, 2009), 230.
  29. Vgl. Volker Benkert, „Von der Breite und Tiefe ostdeutscher Kohortenprägungen:  Warum die letzte DDR-Jugend keine Generation wurde,“ in Die Generation der Wendekinder: Elaboration eines Forschungsfeldes, hrsg.  Adriana Lettrari et. al. (Wiesbaden: Springer VS, 2016), 38.
  30. Vgl. Christine von Blanckenburg und Ansgar Düben, „Rückwanderung und Unternehmensgründung: Die Wege der Wendekinder zwischen Ost und West- Planwirtschaft und Selbstständigkeit,” in Die Generation der Wendekinder: Elaboration eines Forschungsfeldes, hrsg.  Adriana Lettrari et. al. (Wiesbaden:  Springer VS, 2016), 186.
Credits
A big thanks to Katharina Thoms, Christian, Andrea, Thomas Stolze, Peter Effenberg, Anne und Maren for their trust, time and openness to share their experiences for this Project. Thank you very much Johanna Wetzel and Prof. Dr. Marcia Schenck for accompanying and supporting the project.
Victoria Lisek
Victoria is studying history, politics and sociology at Potsdam University. She is very interested in learning about history and historical narration beyond the european perspective and about applied history. Therefore she was very excited about this course, because of the practical and project-related orientation and the great international dialogue of the course.

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